Ein Song ist ein Song ist ein Song. Wolke im Interview.

Aufmerksame Nillson - Leser und Musikwelt - Beobachter dürften inzwischen mitbekommen haben: Hier dreht sich eine Mikrokosmos-Welt um die wohl interessanteste Band Kölns: Wolke. Noch vor wenigen Jahren galten Oliver Minck und Benedikt Filleböck als absoluter Geheimtipp, inzwischen etablieren sie sich immer mehr an der Spitze der deutschen Musiklandschaft jenseits der Massen. Anlässlich der Veröffentlichung ihrer nunmehr dritten Platte "Teil 3" stellte sich Oliver Minck unseren Fragen. Ein Gespräch über das Glück und den Kölner Karneval.

Nillson: Was seht ihr, wenn ihr die Augen schließt und an eure Musik denkt?
Oliver: Licht und Schatten.

Nillson: Wie fühlt es sich an, wenn so viele Menschen am eigenen Gemütszustand herumphilosophieren? Schlägt man da nicht manchmal die Hände über dem Kopf zusammen?
Oliver: Na, so viele sind es ja gar nicht. Aber wer wie wir mit seiner Kunst in die Öffentlichkeit drängt, der muss ja auch damit rechnen, dass die Leute sich Gedanken machen. Nur so viel: Ein Song ist ein Song ist ein Song.

Nillson: In "Hurra" heißt es: "Wir werfen uns in unsere Kostüme / Ich geh als Deutschland / Du als Clown." Als wie politisch seht ihr euch in Bezug auf Deutschland?
Oliver: Deutschland ist uns eher egal. Wir leben hier halt nun mal und sprechen die Sprache. Deswegen kommen wir nicht drum rum. Die Textzeile ist ein Nachhall der letzten WM. Seitdem ist es hier auch an Karneval gängig, sich als Deutschland zu verkleiden. Dieser sinnentleerte Patriotismus ist natürlich dumm. Noch dümmer ist nur ernst gemeinter Patriotismus. Andererseits: Wenn die Deutschlandfahne ab sofort die neue Narrenkappe ist, dann ist das ja fast schon wieder geil. Leider sind sich die Party-Patrioten dieses subtilen politischen Understatements wohl eher nicht bewusst.

Nillson: Inwieweit ist die viel thematisierte Traurigkeit in der Musik von Wolke Stilmittel?
Oliver: Konflikte sind die Grundlage für gute Kunst. Wohingegen das pure Glück keiner weiteren Erklärung bedarf. Traurigkeit ist kein bewusst gesetztes Stilmittel, sie ist eben einfach da und mündet in Lieder, die glücklich machen sollen.

Nillson: Verfolgt ihr die Presse über euch?
Oliver: Ja. Wir sind ja auf Reaktionen angewiesen. Und Goldene Schallplatten, anhand derer wir uns unserer Erfolge rückversichern können, gibt es ja leider noch keine.

Nillson: Habt ihr euch selbst ein Limit für diese Popdolmetscher-Sache gesetzt? Wird es dafür einen Abschluss geben, ähnlich wie damals die "Ich will mich befreien"-EP?
Oliver: Das geht immer weiter. Solange unsere Auftraggeber uns dafür bezahlen. Ein Abschluss ist momentan nicht geplant. Aber mal sehen.

Nillson: Das LoLiLa-Label ist sehr gut befreundet mit euch. Nichtsdestotrotz habt ihr alle Alben über Tapete veröffentlicht. Gibt es dafür spezielle Gründe?
Oliver: LoLiLa haben uns eben noch kein Angebot gemacht, das wir nicht ablehnen können.

Nillson: Habt ihr für die Gestaltung eurer Plattencover eine Grafik-Designerin an eurer Seite?
Oliver: Wir müssen ja alles selbst machen. Auch die Cover.

Nillson: Unter welchen Bedingungen oder in welchen Situationen entstehen die Songtexte? Sammelst du gelegentlich auch Texte in deiner Schublade und zückst sie dann? Gibt es Phasen, wo man sich sagt: "Jetzt hab’ ich Bock einen Text zu schreiben.", oder passiert das auch gelegentlich unter Druck?
Oliver: Es gibt Sätze und Phrasen, die auf Zetteln landen, in Notizbücher geschrieben werden oder nachts in der Bahn betrunken ins Handy gesprochen werden. Aus denen, die am nächsten Morgen immer noch irgendeinen Sinn ergeben, wird eventuell mal ein Song. Manchmal gibt es aber auch schon Musik, die eine Vorlage liefert. Dann kann es ganz schnell gehen.

Nillson: Du schreibst ja auch für das Musikmagazin Intro. Dann gab es wie erwähnt diese Popdolmetscher-Aktion. Inwieweit nimmt man da was mit für die eigene Musik oder die eigenen Texte?
Oliver: Die Übersetzungen zeigen, wie wenig Worte auf Englisch meist gemacht werden und wie unwichtig Texte an sich oftmals sind. Songtexte sind vor allem keine Gedichte, das vergisst man hierzulande gerne. Texte sollen gute Melodien inhaltlich aufladen.
Das Schreiben über Musik hat keinen bewussten Einfluss auf das Musizieren. Höchstens vielleicht, Musik machen zu wollen, die nicht genau wie der heiße Scheiß klingt, den man eh schon die ganze Zeit um die Ohren geknallt bekommt.

Nillson: Während viele Leute insbesondere nach Hamburg oder Berlin ziehen, bleibt ihr in Köln. Bleibt ihr da bewusst oder habt ihr auch schon mal überlegt, die Stadt zu wechseln?
Oliver: Überlegt schon oft. Aber bislang doch nie durchgezogen. Es gibt eben zum Glück doch Einiges, was uns an dieses doofe Köln bindet. Und wenn alle nach Berlin ziehen würden, dann wär ja keiner mehr woanders. Es ist übrigens ein Trugschluss zu denken, man würde zum besseren, kreativeren und tolleren Menschen, nur weil man nach Berlin zieht.

Nillson: Was wäre euer nächstes großes Ziel, nächster Traum?
Oliver: Mehr Verständnis.

Nillson: Zum munteren Abschluss: Bitte noch 3 Gründe zum Unglücklichsein.
Oliver: Köln. Hamburg. Berlin.


Interview: Henrieke Beuthner und Volker Stevens.

Links zum Thema:
Wolke auf ihrer Seite.
Wolke auf Myspace.
Tapete Records.


Datum: 10.04.2008, 20:29 Uhr

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