Blumfeld - Verbotene Früchte [Blumfeld Tonträger / SonyBMG]

Die Geschichte von Blumfeld ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Auf ganz verschiedenen Ebenen wurde Blumfeld seit jeher als verstörend und irgenwie peinlich empfunden. Von dem "Lass uns nicht von Sex reden"-Gestöhne der Unmöglichkeit Sex zu haben und den endlosen Sprechtexten mitten im Album wie "L'Etat et moi (Mein Vorgehen in 4 - 5 Sätzen)", über das George-Michaeleske "Tausend Tränen tief" bis zum allzu unmittelbar gut gelaunten "Sonntag" - mal ehrlich: Nichts davon wollte man gerne auflegen, wenn man Besuch da hatte. Auf der aktuellen Platte entspricht diesem Unangenehmheitsreigen zum Beispiel das Lied vom "Apfelmann", das manche für ein Kinderlied halten. Was soll der Scheiß jetzt schon wieder? Narrt uns der Distelmeyer?

Man liest derartige Fragen tatsächlich bei jeder neuerscheinenden Blumfeldplatte und sie sind wahrscheinlich auch jedesmal Ernst gemeint. Die Antwort ist freilich: Mitnichten. Der Distelmeyer versteht gar nicht, warum es keiner versteht. Dem Missverständnis scheint aber eine gewisse Notwendigkeit zu eignen, gegründet in der Blumfeldschen Eigenart, immer wieder so weit gegangen zu sein, dass es weh tat. Sie haben sozusagen verbotene Früchte gekostet, indem sie sich um konventionelle Üblichkeiten und Erwartungen nicht geschert haben und vielmehr stets radikal uncool waren. So sind die genannten Songs eben darin großartig, die Peinlichkeit heraufbeschörend uns in ihrem vor den Kopf stoßen, Einhalt und Reflexion zu gebieten und wir uns abarbeitend an ihnen wachsen können. Das führt offenbar jedens Mal neu zu Verstörungen und muss sich natürlich nicht zwangsläufig irgendwann in Verständnis auflösen. Nicht wenige sind schon vor mehreren Alben kopfschüttelnd augestiegen.

Doch beginnen wir am Anfang. Alles begann mit der egozentrierten "Ich-Maschine" (1992), die in stürmerisch-drängerischer Manier postadoleszente Probleme des unglücklichen Bewusstseins auf hohem Niveau in sich reflektierte. Seinen klassischen Ausdruck fand dies auf "L'ETAT ET MOI" (1994), indem das Ich sich einem konkreten Anderen, dem Staat, dem Geld, den Verhältnissen, gegenüber verortete und dieses entzweite Verhältnis in endlosen poetischen Windungen verdichtete. Der Schritt zum Du und damit zum versöhnenden Wir geschah auf "Old Nobody" (1999), dem romantischen Werk, wo Liebe erstmals wahr werden und sich auch in musikalische Harmonie ergießen konnte. Blumfeld schufen in den 90ern in riesigen Entwicklungsschritten drei in sich abgeschlossene Meisterwerke, die dennoch vielfach aufeinander verweisen. Eine Einheit in ihren Gegensätzen bildet diese Trilogie nicht nur in der skizzierten Entwicklungsgeschichte, man erkennt sie auch etwa an der Covergestaltung (Eine Person, viele Personen, die Band), der Anordnung und Strukturen der Songs oder der Sprache der Albentitel (dt., frz., engl.).

Die drei folgenden Alben "Testament der Angst" (2001), "Jenseits von Jedem" (2003) und "Verbotene Früchte" (2006) kann man als konkretere Ausformungen der ersten Trilogie begreifen. Sie greifen einzelne dort exponierte Komplexe heraus, beleuchten sie näher und unmittelbarer und bedienen sich entsprechend ebendem geringeren Abstraktionsniveau auch einer einfacheren Sprache. So bilden sie wiederum eine Dreieinheit und somit die zweite Trilogie im Blumfeldschen Œuvre. Dahingehend auffällig sind beispielsweise die Fortschreibung von Songs über die drei Alben hinweg ("Der Wind", "Der Sturm", "Der Fluß") und die biblische Thematik in allen Albentiteln: Testament, Jenseits, Eden und das Thema Sündenfall:

Verbotene Früchte sind freilich die Äpfel vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, durch deren Genuss Adam und Eva, von der Schlange verführt, aus dem Paradies vertrieben und erst eigentlich Menschen wurden, nämlich freie, damit aber auch zum Bösen fähige und verantwortliche. Nicht zufällig geschieht die Menschwerdung unter Einbeziehung von Pflanze und Tier. Damit deuten Titel und Cover, auf dem sich erstmals keinerlei menschliche Wesen befinden, die Hauptthematik des Albums an:

Wir sind nicht alleine auf der Welt. Ein faszinierendes Reich wohnt mit uns auf der Erde und ist ins tiefste mit uns verwoben. Wir sollten dessen eingedenken und uns an seiner Schönheit erfreuen. "Tiere um uns - was wär'n wir ohne sie?" fragt ein wunderschön schlichtes Lied im Zentrum des Albums, das in süßen Beschreibungen uns die entfremdete Tierwelt näher zu bringen sucht. Auch in fast allen anderen Liedern wimmelt und floriert es: Schmetterling, Rabe, Fuchs, Löwe, Katze, Orchidee, Alpenfeilchen und eine ganze Menge Apfelsorten - alle sind sie da. Diese eigene Art von Popromantik reiht sich ein in eine ehrwürdigen Zusammenhang mit der mystischen Naturzuwendung von Tocotronics "Pure Vernunft darf niemals siegen" oder Pulps leider unterbewertetem naturromantischem Werk "We Love Life".

Das alles ist bei Blumfeld nicht als Wende oder Bruch mit dem vorherigen Werk zu verstehen. Es akzentuiert nur einen Aspekt der schon zuvor angelegt war, etwa als im "Abendlied" Tiere in den Schlaf ge- oder "Planten un Blomen, Enten und Schwäne" (aus: "Alles macht weiter") besungen wurden. Daher können Flora und Fauna im Blumfeldschen Kosmos eigentlich auch nur auf den ersten Blick verstören und unverstanden bleiben. Die darin sich artikulierende Weltsicht ist die gleiche wie bisher. Distelmeyerscher Existenzialismus heißt noch immer: Wir sind grundlos in die Welt geworfen, aber damit auch frei uns selbst einen Sinn zu geben. ("Es gibt kein nächstes mal / Es gibt nur diese Welt / Alles ist grundlos da / Wir sind auf uns gestellt", aus: "Atem und Fleisch").

Weil der Schmerz 'Ich', das Glück aber 'Wir' sagt (vgl. "Eintragung ins Nichts"), und unsere Sorge Zusammhänge braucht (vgl. "Status: Quo vadis"), ergibt sich nicht bloß zwischenmenschliche Liebe, Kunst und Politik, sondern ein ganzheitlicher Sorgezusammenhang, in dem sich Fuchs, Mensch und Orchidee Gute Nacht sagen. Doch sollten derartige Phantasien zu schwärmerisch präsündenfälligen Unschuldsvorstellungen verleiten, steht auch schonmal ein Stoppschild vor diesen verbotenen Früchten aus Friede, Freude und Apfelkuchen: "Tiere um uns sind keine besseren Menschen / In ihrer Welt gilt des Stärkeren Recht".

Vor allem aber ist das Album ein sehr schönes und sehr rundes geworden. Ich möchte sogar sagen: Es ist das beste der zweiten Trilogie. Deren ersten beiden Teile finde ich noch immer als Alben etwas holprig und nicht komplett hörbar. Zu sehr standen die Stücke noch gleichgültig nebeneinander. Auf "Verbotene Früchte" passt alles, wohl auch getragen vom Rahmenthema, wunderbar ineinander. Nun erst nehme ich ihnen diese ganze Leichtigkeit ab, die auch im vorherigen schon hat stecken sollen. Einen nicht geringen Anteil daran tragen sicherlich die neuen Musiker, vor allem Vredeber Albrecht an den Tasten, der aus dem entwicklungsromanhaften "Der sich dachte" den ersten primär klaviergetragenen Blumfeldsong macht. Ferner lässt "Strobohobo" schon verloren geglaubte musikalische Aspekte aus der ersten Trilogie wieder aufleben und "April" ist, so meine ich, schlicht der beste (Prefab-Sprout-)Popsong, der ihnen bis dato gelungen ist.

Sollte meine These von den zwei Trilogien irgendeinen Sinn machen, wird es nun natürlich umso spannender: Die zweite Trilogie ist beendet, was mag nun kommen? Alles hat ein Ende, nur Diskurs hat zwei.

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Blumfeld, ein älterer Junggeselle


Datum: 30.04.2006, 12:20 Uhr

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